Historischer Rückblick

Sprechchöre: "Wir bleiben hier!"

Nach der ersten großen Montagsdemo am 25. September, als mehr als 5000 Menschen erstmals vom Karl-Marx-Platz über den Georgiring bis zum Friedrich-Engels-Platz gezogen waren, lagen bei vielen Funktionären des SED-Machtapparates die Nerven blank. Hektisch wurden Maßnahmen ergriffen, um vom Westen gesteuerte "antisozialistische Aktivitäten in der Stadt Leipzig" zurückzudrängen. So legte die SED-Bezirksleitung am 29. September ein streng geheimes Argumentationspapier vor. "Leipzigs Innenstadt wird zum antisozialistischen Wallfahrtsort hochgejubelt, um öffentliche Ordnung und Sicherheit zu belasten und das normale Leben der Bürger empfindlich zu stören", heißt es darin.

Dabei wird die Opposition als "seit längerem hochgepäppelte Personengruppe" beschrieben. Einige solcher Leute würden "Morgenluft wittern" und "wie Ratten aus ihren Löchern" kriechen. Westmedien hingegen lügen "das Blaue vom Himmel, indem sie diese Kräfte zu Freiheitsaposteln hochjubeln". Eine unheilvolle Rolle bei der "Aufwiegelung und Verhetzung zu antisozialistischen Handlungen" spielten auch "Leute, die das Kleid der Kirche tragen." Aufgerufen wird dazu, diesen Umtrieben "mit allen Mitteln, politisch verantwortungsbewusst und aktiv" entgegenzutreten. Interessant ist auch: In keiner Weise, hieß es, dürfe diese Information vervielfältigt oder weitergegeben werden.

Auch in der LVZ, damals Bezirksorgan der SED, wurde mit Leserbriefen reagiert. Unter dem Titel "Wir wollen weiter in Ruhe und Geborgenheit leben" äußerten sich am 29. September 1989 Leipziger Bürger und eine Kampfgruppeneinheit zur "antisozialistischen Hetzkampagne".

Trotzdem kam es am 2. Oktober erneut zur Demonstration - zum damals größten Protest in der DDR seit dem Volksaufstand 1953. Der Platz vor der Nikolaikirche war wie an den Montagen zuvor von Volkspolizei und Stasi abgeriegelt. Das Gotteshaus, in dem sich schon vor Beginn des Friedensgebetes etwa 2500 Menschen versammelt hatten, musste wieder wegen Überfüllung geschlossen werden. Das führte auch dazu, dass ein Teil der bestellten "gesellschaftlichen Kräfte", wie es in einem chiffrierten Fernschreiben an SED-Generalsekretär Erich Honecker hieß, nicht mehr ins Kircheninnere gelangte. Auch in der Reformierten Kirche gab es am 2. Oktober ein Friedensgebet.

Mehr als 20 000 Menschen zogen an diesem Tag über den Ring, in anderen Quellen ist von bis zu 25 000 die Rede. "Man muss von einer sehr großen Spontanität ausgehen, denn die Demonstration ist ja von niemandem organisiert worden", sagte Pfarrer Christoph Wonneberger in einem am Folgetag veröffentlichtem Interview. In Sprechchören forderten die Menschen demokratische Reformen. "Erich, laß die Faxen sein, hol die Perestrojka rein!" hieß es beispielsweise. Auch "Gorbi, Gorbi"-Rufe erklangen sowie die Rufe "Neues Forum zulassen!". Viele Menschen unterstrichen ihren Willen, innerhalb des Landes für mehr Demokratie sorgen zu wollen. "Wir bleiben hier", war nun in den Sprechchören immer häufiger zu hören.

Der Demonstrationszug blieb zunächst unbehelligt, führte über den Ring am Hauptbahnhof vorbei bis zum damaligen Friedrich-Engels-Platz. Dort wurde er durch eine Straßenblockade von Polizeilastwagen gestoppt. Einige jugendliche Demonstranten durchbrachen die Polizeikette. So zogen an der "Runden Ecke " vorbei, wo Rufe wie "Stasi raus" und "Inhaftierte freilassen" erklangen, bis zum Markt.

Nach anfänglicher Zurückhaltung setzte die Polizei Schlagstöcke und Elektrostäbe ein. Auch die Kampftruppen der Arbeiterklasse, bewaffnete Trupps aus Großbetrieben, waren aufmarschiert. Die LVZ berichtete erneut von einer "ungesetzlichen Zusammenrottung größerer Personengruppen, die die öffentliche Sicherheit und den Straßenverkehr der Innenstadt beeinträchtigten". An jenem Tag wurden 20 Männer verhaftet, die meisten kamen nach einer Verwarnung am Abend wieder auf freien Fuß. Gegen andere wurden Ordnungsstrafverfahren eingeleitet.

"Es müssen Entscheidungen getroffen werden, ob dieser Gottesdienst weiter durchgeführt wird, der mit einem Gottesdienst nichts mehr zu tun hat", schrieb Helmuth Hackenberg, der 2. Sekretär der SED-Bezirksleitung, an Honecker. Jene Zusammenrottungen würden sich immer mehr als Sammelbecken "antisozialistischer und rowdyhafter Elemente erweisen".

Von Mathias Orbeck,
erschienen in der Leipziger Volkszeitung am 29. September 2009

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