Historischer Rückblick

Polizeiketten auf dem Nikolaikirchhof

Am 11. September 1989 hatten Bereitschaftspolizei und Staatssicherheit den Nikolaikirchhof in Leipzig nahezu hermetisch abgeriegelt. Die Besucher des Gottesdienstes standen massiven Absperrketten gegenüber. An jenem Tag kam es zu 104 Verhaftungen. Die DDR-Staatsmacht wollte ein Exempel statuieren, ging mit äußerster Härte vor. Einige Personen mussten bis zur Amnestie Ende Oktober in Haft bleiben. Sie waren im Schnellverfahren per Strafbefehl ohne mündliche Verhandlung zu Haftstrafen zwischen vier und sechs Monaten verurteilt worden. Der Vorwurf: Zusammenrottung.

Die Verhaftungen hatten sich natürlich herumgesprochen. Auf Betreiben der Initiativgruppe Leben gründete sich eine Koordinierungsgruppe "Leipziger Fürbittandachten für die Inhaftierten". So fand am 14. September erstmals eine Fürbittandacht in der Markusgemeinde statt. Aber auch Reformierte Kirche, Michaelis- sowie Lukaskirche schlossen sich sofort an. Jene Form der Andachten etablierte sich in vielen Städten der Republik. Es wurden aber auch zahlreiche Protestbriefe an staatliche Behörden geschrieben, die Freilassung der Bürgerrechtler gefordert. "Jener Protest gegen die Leipziger Verhaftungen hat nicht unwesentlich zur gesellschaftlichen Mobilisierung im September 1989 beigetragen", schätzt Tobias Hollitzer, Leiter des Museums in der "Runden Ecke", ein.

In Leipzig wurde mittlerweile auch öffentlich gegen den Staat opponiert. Die zum Nikolaikirchhof gelegenen Fenster der Kirche waren ständig mit frischen Blumen und Kerzen geschmückt, ein kleines Plakat forderte die Freilassung der Gefangenen. "Das brutale Vorgehen der Staatsmacht, das die Menschen einschüchtern sollte, bewirkte genau das Gegenteil. Viele erlangten ihre Sprache zurück und verlangten grundsätzliche Reformen", so Hollitzer.

Der Polizeieinsatz der Vorwoche hielt viele Menschen nicht davon ab, am 18. September erneut zum Montagsgebet zu kommen. Wieder hatte die Polizei dichte Sperrketten um das Gotteshaus gezogen, in dem sich etwa 1200 Menschen versammelten. Pfarrer Führer informierte die Gottesdienstbesucher über das Geschehen am vorherigen Montag und verlas auch die Namen der Inhaftierten. Laut Stasi-Protokoll erklärte er, "daß die zum Einsatz gekommenen Volkspolizisten nur Befehlsausführende seien und zum Teil gegen ihren Willen handeln müßten". Anschließend gestaltete der Friedenskreis Lindenau das Gebet mit biblischen Texten rund um das Thema "Mauer". Danach versammelten sich erneut Menschen auf dem Nikolaikirchhof, wo Handzettel mit Informationen über den Polizeieinsatz vom 11. September verteilt wurden. Wieder forderten die Ordnungskräfte die Menschen per Lautsprecher auf, den Platz zu verlassen. Gegen 18.40 Uhr erfolgte dann die Räumung. An jenem Tag kam es zu mehr als 30 Festnahmen.

SED-Generalsekretär Erich Honecker, der nach längerer Krankheit im Zentralkomitee wieder die Führung übernommen hatte, wies die 1. Sekretäre der Bezirksleitungen am 22. September in einem Fernschreiben an, "daß diese feindlichen Aktionen im Kern erstickt werden müssen, daß keine Massenbasis dafür" zugelassen werden dürfe. Außerdem solle dafür gesorgt werden, dass "die Organisatoren der konterrevolutionären Tätigkeit isoliert werden". An der nächsten Montagsdemonstration am 25. September beteiligten sich bereits mehr als 5000 Menschen, sie forderten Reformen sowie die Zulassung des Neuen Forums, welches am gleichen Tag vom Ministerium des Inneren verboten worden war.

Von Mathias Orbeck,
erschienen in der Leipziger Volkszeitung am 18. September 2009

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