Historischer Rückblick

Polizei setzt Wasserwerfer ein

Im Volk brodelte es längst: Dennoch feierte die Partei- und Staatsführung in Berlin den 40. Jahrestag der DDR. Bereits am Abend vorher waren 100.000 Jugendliche an SED-Generalsekretär Erich Honecker und den Ehrengästen vorbeimarschiert. Auch eine Militärparade gab es. In Leipzig herrschte am Republikgeburtstag höchste Sicherheitsstufe. Selbst die Kampfgruppen saßen in Hausbereitschaft. Ein Friedensgebet stand an jenem Tag aber nicht an - der 7. Oktober war ein Sonnabend. Auf dem Marktplatz herrschte fröhliches Treiben - bei den alljährlichen Markttagen.

Die Nikolaikirche war mit Blumen und Kerzen geschmückt. Auf dem Platz davor sichtete die Volkspolizei gegen 10 Uhr die ersten Menschengruppen, die sich friedlich trafen. Über Lautsprecher wurden die Leute aufgefordert, den Platz zu verlassen. Bereits eine halbe Stunde später wurde das Areal vorm Gotteshaus das erste Mal geräumt. Stasi-Generalleutnant Manfred Hummitzsch hatte im Vorfeld angewiesen: "Feindlich negative Aktivitäten sind mit allen Mitteln entschlossen zu unterbinden."

Um 11.40 Uhr marschierte die erste Kompanie VP-Bereitschaft mit Sonderausrüstung auf. Sämtliche Personengruppen wurden - wie bei einem Katz- und-Maus-Spiel - rasch aufgelöst. Den ganzen Tag lag Spannung in der Luft, es regnete. Niemand wusste, was passieren würde. Gegen 13.30 Uhr waren wieder 300 Personen auf dem Nikolaikirchhof gesichtet worden. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Sicherheitsleute bereits 20 Personen zugeführt, wie es damals hieß. Auf dem Agra-Gelände in Markkleeberg richtete die Staatssicherheit einen so genannten Zuführungspunkt ein, wohin die Verhafteten nach ersten Befragungen mit Lastkraftwagen gekarrt worden waren. Der Polizeieinsatz verlief brutal, wie Beteiligte später berichteten. Die Polizei marschierte in voller Montur mit Helm und Schlagstöcken auf. Sie hatte auch Hunde mit und ohne Beißkorb dabei.

Die Polizei bildete Sperrketten. Gegen 17 Uhr wurde für das 1. Kampfgruppenbataillon Alarm ausgelöst. Am Abend ließ die Polizei erstmals Wasserwerfer auf dem Karl-Marx-Platz (heute Augustusplatz) auffahren, die auch zum Einsatz kamen. Spontan kam es wieder zu einer Demo über den Ring, die in Höhe der Hauptfeuerwache gestoppt worden war.

Obwohl die Kirchen geschlossen waren, demonstrierten am 7. Oktober 1989 allein in Leipzig mehr als 5000 Menschen. 179 Männer und 31 Frauen wurden an jenem Tag verhaftet. Dabei waren auch 82 Menschen, die nicht in Leipzig wohnten.

"Sie wurden unter unwürdigen Bedingungen in den Pferdeställen auf der Agra zusammengepfercht", so Tobias Hollitzer, der das Museum in der Runden Ecke leitet. Betroffene berichteten später, wie die Männer von den Lastkraftwagen heruntergezerrt wurden. Einer nach dem anderen wurde an die Wand gestellt, die Beine auseinandergeknüppelt. Schließlich kamen sie zu zehnt und mehr in diese Pferdeboxen hinein. Einige mussten dort mehr als 24 Stunden verbringen.

Die LVZ, damals SED-Bezirksorgan, vermeldete am folgenden Montag, dem 9. Oktober, unter der Überschrift "Rowdys beeinträchtigen ein normales Leben", dass die Deutsche Volkspolizei durch besonnene Handlungen größere Ausschreitungen und einen geordneten Ablauf der Markttage gewährleistet habe.

Von Mathias Orbeck,
erschienen in der Leipziger Volkszeitung am 7. Oktober 2009

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