Historischer Rückblick

Erste große Demo auf dem Ring

Am 25. September 1989 fand die erste große Montagsdemo statt, bei der die Menschen über den Leipziger Ring zogen. Die Nikolaikirche war zum Friedensgebet um 17 Uhr bis auf den letzten Platz besetzt. Das Gotteshaus musste an jenem Tag wegen Überfüllung geschlossen werden. Draußen marschierten erneut Bereitschaftspolizei und Staatssicherheit auf, die den Nikolaikirchhof wie an den Montagen zuvor hermetisch abriegelten. Trotz der Präsenz versammelten sich 1000 Menschen vor der Kirche.

Drinnen gab Nikolaikirchenpfarrer Christian Führer bekannt, dass "zur Entlastung" künftig jeweils sonnabends Friedensgebete in weiteren Leipziger Kirchen stattfinden würden. Anschließend hielt Pfarrer Christoph Wonneberger vor etwa 2000 Zuhörern eine Andacht über das Thema Gewalt. "Wer Gewalt übt, mit Gewalt droht oder sie anwendet, wird selbst ein Opfer der Gewalt", predigte er. Und: "Wer das Schwert nimmt, wird durchs Schwert umkommen." Das sei keine grundsätzliche Infragestellung staatlicher Gewalt. Aber: Staatliche Gewalt müsse effektiv kontrolliert werden, gerichtlich, parlamentarisch … "Unser Land ist nicht so reich, daß es sich einen so gigantischen Sicherheitsapparat leisten kann …" Die Grundaussage Wonnebergers lautete: "Wir können auf Gewalt verzichten."

Frank Richter, ein Stahlbauschlosser, berichtete außerdem über real erlebte Gewalt bei Demonstrationen in Leipzig, beispielsweise in Bezug auf die Fälschung der Kommunalwahlen vom Mai 1989. Die Sängerin Christa Mihm stimmte "We shall overcome" an, das die Gottesdienstbesucher mitsangen.

1500 Polizeikräfte bereit. Die Stasi wollte ursprünglich sogar Wasserwerfer einsetzen. Doch dazu kam es nicht. Minister Erich Mielke und Leipzigs Stasi-Generalleutnant Manfred Hummitzsch verständigten sich über die Taktik am Telefon. Die Polizei sollte die Situation nicht anheizen, sich nicht provozieren lassen. Später erfolge der Befehl, bei einer Demo "den aktiven Kern festnehmen".

Zur Demonstration kam es dann nach dem Gebet. Die Sicherheitskräfte hatten den Zugang zum Markt abgeriegelt, die Polizeikette in der Grimmaischen Straße wurde aber aufgelöst. Deshalb zog die Menge zunächst über die Ritterstraße zum Karl-Marx-Platz (heute Augustusplatz). Mehr als 5000 Menschen liefen über den Georgiring, schließlich am Hauptbahnhof vorbei bis zur Blechbüchse, dem damaligen "Konsument"-Kaufhaus. "Freiheit" sowie "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" forderten einige in Sprechchören. Auch die "Internationale" erklang. Die Menschen forderten die Zulassung des "Neuen Forums". Das war an jenem Tag vom Ministerium des Inneren verboten und als staatsfeindlich eingestuft worden.

Die Polizei griff zunächst nicht ein. Am "Blauen Wunder" kehrten die Demonstranten schließlich um. "Offenbar befürchteten die Demonstranten, dass es an der Runden Ecke zu einer Eskalation der Situation kommen könnte", so Tobias Hollitzer, Leiter der Gedenkstätte Museum in der "Runden Ecke". Erst als etwa 1000 Leute auf den Hauptbahnhof ziehen wollten, reagierte die Polizei. Sechs Personen wurden an diesem Abend festgenommen.

Ohne massiven Einsatz polizeilicher Mittel, schlussfolgerte Generalleutnant Hummitzsch, sei eine "Auflösung derartiger Personenansammlungen" nicht mehr möglich. Er forderte in seinem Bericht, die Friedensgebete zu verbieten. Auch der Kirchenvorstand von St. Nikolai wurde aktiv: "Wir bitten darum, auf eine derartige Machtdemonstration staatlicher Organe zu verzichten", heißt es in einem Brief an die SED-Bezirksleitung.

Die Leipziger Volkszeitung, damals Organ der SED-Bezirkssleitung, konnte die Geschehnisse nicht mehr ignorieren. Unter der Überschrift "Ordnung gestört" berichtete sie am 26. September 1989 auf der letzten Seite, dass es "im Leipziger Stadtzentrum zu nicht genehmigten und ungesetzlichen Zusammenrottungen" kam, die die "öffentliche Ordnung störten" und den "Verkehr zeitweise beeinträchtigten". Den Sicherheitskräften wurde "besonnenes Verhalten" bescheinigt.

Von Mathias Orbeck,
erschienen in der Leipziger Volkszeitung am
25. September 2009

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